Studienvorbereitungsjahr – einen Testballon steigen lassen

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Wer bereits weiß, was er studieren will, jedoch noch nicht komplett loslegen will, der kann das Jahr nutzen, um sich auf das Studium vorzubereiten. Hierbei kann man  auch testen, inwieweit das gewählte Studium wirklich das richtige für einen ist.

Lücken schließen

Dies kann Sinn machen, wenn der Studiengang Inhalte aufweist, in denen man meint, Schwächen zu haben. Zum Beispiel sind Psychologiestudenten und -studentinnen nicht selten im Bereich Statistik überfordert – und der gehört stets zum verpflichtenden Studienprogramm im Fach Psychologie. Seien es solche mathematischen Fertigkeiten oder aber verpflichtende Sprachkenntnisse, sie können in der Zeit vor dem offiziellen Studienbeginn erworben werden. Hochschulen und Universitäten bieten häufig sogenannte Vorkurse an. Am besten ist es, wenn man sich direkt bei der jeweiligen Hochschule informiert, welche Angebote es gibt. Insbesondere im Falle einer Sprache empfiehlt sich das Erlernen der grundlegenden Kenntnisse vor Beginn eines Studiums und nicht erst während des laufenden Studienbetriebes.

Eingewöhnung

Ein Studienvorbereitungsjahr kann auch genutzt werden, um sich an die Art der Lehre in der Hochschule zu gewöhnen. Universitäten setzen immer noch stark auf die Eigenverantwortung der Studierenden. Das heißt, der Stoff wird in Vorlesungen und Seminaren präsentiert und diskutiert. Hilfestellung beim Verstehen gibt manchmal ein seminarbegleitendes Tutorium, in dem ein fortgeschrittener Studierender den Stoff noch einmal aufbereitet und für Fragen zur Verfügung steht. Die Lernarbeit bleibt aber ganz beim Studierenden. Hier muss er selbständig und ohne weitere Hilfe beweisen, dass er sich Wissen und Kenntnisse selbständig aneignen kann. Private Hochschulen setzen zwar oft auf eine engere Betreuung oder stärkere Verschulung des Stoffes, aber auch hier muss letztlich jeder sich den Stoff aneignen, so dass Kenntnisse am Ende des Semesters abgefragt werden können. Egal, wohin man sich wendet, ist also mehr Selbständigkeit gefragt.

Hinzu kommt: Die Studiengänge haben wenig mit den Fächern in der Schule gemeinsam. An der Hochschule geht es in die Breite und Tiefe einer Disziplin. Man dringt in viele sehr spezielle Wissensbereiche eines Faches vor, die man zuvor noch nicht einmal in Ansätzen kannte. Ein Studium der Anglistik etwa beinhaltet nicht nur eine Ausweitung des Wortschatzes und erweitertes Wissen der Grammatik, sondern auch Kenntnisse der Entstehung der Sprache in der Vergangenheit, ihre Geschichte also, zudem die Linguistik und etliche Bereiche mehr. Insbesondere an Universitäten und Fachhochschulen lernt man die Grundprinzipien des jeweiligen Faches kennen und erhält Einblicke in die Generierung des Wissens, das der Dozent vorne im Hörsaal bespricht. Denn in den Lehrbüchern finden Sie die Ergebnisse der Forschung, also der Suche nach Wissen, der durchgeführten Versuche und der Erprobung der Ergebnisse. Wie Sie das selber machen können, die Prinzipien des Faches in der Forschung anwenden, das erlernen Sie ebenfalls an der Hochschule.

Dementsprechend unterscheidet sich die Vorgehensweise von Hochschuldozenten von der von Lehrern an einer Schule. Denn es geht nicht mehr nur um die Vermittlung und Anwendung von Wissensstoff, sondern um das Verstehen, wie Wissen entsteht. Und dies bedeutet eine große Umstellung für viele, die von der Schule an die Hochschule wechseln. Innerhalb eines Orientierungsjahres kann man entscheiden, ob diese Art des Lehrens und Lernens zu einem passt.

Hochschulen wissen um die Umstellung und die Hürden, die sie mit sich bringt. Daher bieten sie oft Programme an, um die neuen Studierenden fit für den Hochschulbetrieb zu machen. Die Bezeichnung ist ganz unterschiedlich – studium generale, studium fundamentale, Orientierungsstudium, propaedeuticum, preparatory year, foundation year. Hier ein paar Beispiele:

Die Karlshochschule in Karlsruhe bietet ein International Foundation Year. Maastricht University in den Niederlanden hat ein Foundation Programme im Programm. Die Jacobs University in Bremen nennt ihr Startjahr Studium individuale. Allen drei ist gemeinsam, dass die Studierenden sich ein persönliches Programm zusammenstellen können, um darüber ihr eigenes Fach und die Hochschule kennenzulernen.

Die Universität Witten-Herdecke startet alle ihre Studienprogramme stets mit einem Studium fundamentale, bei dem vor allem der interdisziplinäre Aspekt der Wissenschaften betrachtet wird.

Die Leuphana-Universität in Lüneburg verpflichtet Studierende zu einem Studium generale im ersten Semester, um einen ähnlichen Überblick über die Wissenschaften zu ermöglichen. Studium generale bezeichnet an vielen Universitäten sämtliche nicht unmittelbar im Fach verpflichtenden Veranstaltungen, mit denen man seinen Horizont erweitert.

Vorkurse und Vorpraktika

Bei einigen Studiengängen halten die Hochschulen verpflichtende Vorkurse oder Vorpraktika ab. Nur wenn diese erfolgreich abgeschlossen werden, kann man überhaupt das Studium aufnehmen. Neben Grundkenntnissen, die dabei trainiert werden, schließen die Hochschulen so auch Wissenslücken bei Studierenden, damit man im ersten Semester besser in Tritt kommt. Denn nicht jede Schule hat wirklich auf die Hochschule adäquat vorbereitet. Praxisorientierte Wirtschaftsstudiengänge oder Studiengänge, in denen erweiterte mathematische Kenntnisse gefragt sind, erfordern dies oft.

Orientierung und Erprobung

Egal, welchen Weg man hier einschlägt, die Vorteile eines solchen Jahres liegen auf der Hand: Orientierung und Erprobung. Ein Hineinschnuppern in verschiedene Bereiche des gewählten Studiums erleichtert die Urteilsfindung. Entscheidet man sich dafür und will bei dem gewählten Studiengang bleiben, dann ist die Überzeugung, das Richtige zu tun, nach einem Orientierungsjahr gewachsen – und man hat erste Fachkenntnisse gesammelt. Entscheidet man sich während des Schnupperjahres gegen das Studium, dann bewahrt einen dies vor einem späteren Studienabbruch. Auch dies ist ein gutes Ergebnis einer solchen Zeit. Im Zuge von Vorbereitungskursen erfährt man ebenfalls, inwiefern die Studienmaterie einem liegt, ob man sie mag und sich mit ihr identifizieren kann, oder ob man eine Vorstellung von einem Studium hatte, die so nicht zutrifft. Wenn man in seiner Einschätzung richtig lag, dann kann man weitermachen und – dies ist wichtig – sich die Kurse des Schnupperjahres auf das Studium anrechnen lassen. Insgesamt ist so ein erstes Jahr also ein Testballon, der immer ein gutes Resultat bringt.