Özlem Tureci und Uğur Şahin – Mediziner als Biochemiker und Pharmazeuten

Prof. Dr. med. Ugur Sahin ist Wissenschaftler und verfügt über mehr als 60 unabhängige Patente in zahlreichen Bereichen wie Life Science und Biotechnologie und Dr. Özlem Türeci ist Medizinerin und hat über 20 Jahre Erfahrung in der Krebsforschung. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Erforschung neuer immuntherapeutischer Wirkstoffe und der Entwicklung von Antikörpern und impfstoffbasierten Behandlungskonzepten für solide Tumore, Interview 02.05.2018

„Was hast du bekommen? Biontech oder Astra oder was?“ Das sind Fragen, die in Telefonaten oder bei den Treffen mit Freunden in diesen Tagen immer wieder gestellt werden. Aufgrund seiner hohen Wirksamkeit liegt der Biontech-Impfstoff ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Und auch ein wenig Patriotismus schwingt da mit. Denn zwei Deutsche haben ihn entwickelt. Quasi über Nacht wurden die Biontech-Gründer Uğur Şahin
und seine Ehefrau Özlem Türeci berühmt.

Medizinstudium aus Neigung

Die Eltern des Ehepaares waren türkische Einwanderer. Türecis Vater arbeitete als Arzt an einem Krankenhaus in Cloppenburg. Die große Mehrzahl der Menschen dort war katholisch. Özlem Türeci hat einmal erzählt, dass ihr erster Berufswunsch Nonne war. Sie wollte helfen, so hat sie das begründet – ganz einfach. Aus diesem Helferimpuls wurde im Laufe der Zeit der Wunsch, wie der Vater Medizin zu studieren.
Uğur Şahins Vater arbeitete bei den Ford-Werken in Köln. Früh interessierte sich der Sohn für die Geschichte der Wissenschaft, las gern Bücher über die Entwicklung der Naturwissenschaften. Insbesondere hat ihn der Nobelpreisträger Paul Ehrlich fasziniert, der mit einer wirksamen Medikamentenkur gegen die Syphilis die erste moderne Chemotherapie entwickelte. Nach dem Abitur studierte Şahin dann Medizin in Köln.

Medikamente gegen Krebs

Beide arbeiteten eine Zeit als Onkologen. An der Universitätsklinik des Saarlandes in Homburg lernten sie sich kennen. Beide gingen in die Forschung, promovierten und habilitierten sich und wurden zu Experten im Bereich molekularer Medizin und Immunologie. Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Krebsforschung. Es geht um die Identifikation und Charakterisierung von tumorspezifischen Molekülen und die Entwicklung von Immuntherapien. Was bedeutet das? Eine – etwas vereinfachte – Antwort ist folgende: Da es sich bei Krebs um die unkontrollierte Vermehrung und Wucherung von Zellen handelt, die schließlich Organe und Körperfunktionen schädigen, forscht man seit Jahrzehnten dazu, wie sich dieses Zellwachstum eindämmen lässt. Eine der Fragen, die man stellt, lautet: Wie kann man dem Immunsystem helfen Krebszellen zu erkennen und zu töten, ohne gesunde Körperzellen anzugreifen. Welche Botenstoffe braucht der Körper also, um sich selbst gegen den Krebs zu stemmen. Hochkomplexe Wirkstoffe werden heutzutage entwickelt, um das zu leisten. Um in der Forschung die richtigen Fragen zu stellen, braucht es als Grundlage ein großes Wissen über die biochemischen Vorgänge im menschlichen Körper. Das erwirbt man in Studiengängen wie Biologie, Chemie oder Medizin.

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Laborarbeit

Die eigentliche Forschung findet im Labor statt. Dort wird in Versuchen die Reaktionen und Einsatzmöglichkeiten von bestimmten Stoffen in der Chemotherapie getestet. Antigene und Antikörper für die Therapie oder auch Stoffe auf Molekularebene, mit deren Hilfe man Krebszellen nachweisen kann gehören etwa dazu. Für die Arbeit im Labor heißt das Pippetieren, Inkubieren, Berechnen etc. Ein wissenschaftliches Experiment erfordert eine präzise Planung und akribische Dokumentation. Die Ergebnisse werden in regelmäßigen Abständen gemessen und diskutiert. Die eigentliche Arbeit ist somit eher die Labortätigkeit des Biologen und des Chemikers. Absolventen dieser Fächer finden wir daher ebenso häufig wie Mediziner in diesem Bereich der Forschung. Nach Versuchsreihen und Zulassung durch die Arzneimittelbehörde, können dann die entwickelten Mittel schließlich eingesetzt werden. Das ist oft ein weiter Weg.

Biontech

Türeci und Sahin sahen bei ihrer Arbeit im Krankenhaus, dass die Forschungsarbeit der oft nicht beim Patienten ankam. Daher gründeten sie verschiedene Unternehmen, die Diagnostika und Arzneimittel unter anderem für die Krebstherapie entwickelten. Das zuletzt gegründete Unternehmen ist die Firma Biontech. Bei Biontech arbeitet man an der Anwendung von Boten-Ribonukleinsäure (mRNA) bei der Therapie und zur Verbeugung von Krankheiten. Man kann es sich etwa so vorstellen, dass die mRNA Baupläne für Moleküle speichert. Und solche Moleküle können Heilmittel und Impfstoffe sein. Die Körperzellen, wo die Heilmittel ankommen sollen, haben eine Lesemaschine für die Baupläne. Solche Medikamente enthalten also nicht den eigentlichen Wirkstoff, sondern nur seinen Bauplan. Die Körperzellen selbst stellen die Zielsubstanz her, die der Körper braucht. Biontech arbeitet daran, die mRNA so zu verpacken, dass sie auch in der Zelle ankommt. Dies war eigentlich für eine Krebstherapie geplant. Jetzt wenden Türeci und Şahin es für die Corona-Impfung an, denn auch hier geht es um das Immunsystem. Als sich die Nachricht von einer gefährlichen Viruserkrankung verbreitete, begannen sie sofort mit der Forschung zu einem Impfstoff. Dem Projekt gaben sie den Namen Lightspeed – Lichtgeschwindigkeit. Kaum jemals in der Geschichte wurde ein Impfstoff in dieser Schnelligkeit entwickelt.

Neigung, Neugierde, Geschäftssinn

Das Ehepaar gehört durch diesen Erfolg nun zu den reichsten Deutschen. Als Kinder türkischer Einwanderer hatten sie in der deutschen Gesellschaft sicherlich einen Start als Sonderlinge. Şahin war die einzige Person mit ausländischen Wurzeln in seinem Abiturjahrgang. Beide haben aus Neigung und Neugierde Medizin studiert und sich jeder für sich für den Bereich der Onkologie und der Forschung entschieden. Das sie nie stehengeblieben sind zeigt auch das flexible Umschwenken von der Krebsforschung auf einen Impfstoff und die Gründung verschiedener Unternehmen. Die Betriebswirtschaft hat Türeci anfangs gegraust, hat sie einmal erwähnt. Ihr Vermögen steckten sie bisher vor allem in die Entwicklung von Forschungsprojekten und des Unternehmens. Bisher sind sie dem, was sie in der Medizin und ihrer Arbeit im Labor gelernt haben, treu geblieben – und haben sich erfolgreich weiterentwickelt. Sie sind Wissenschaftler und Unternehmer in einem.